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AL10118 Stolpersteine der Stadtgeschichte - 'Exodus ohne Ende' - oder: 'Fast nirgendwo ist Heimatland' Zur kurzen Geschichte der Juden in Schwenningen am Neckar

Status Plätze frei
Beginn Fr., 27.01.2023, 19:00 - 20:30 Uhr
Kursgebühr 10,00 €
kostenfreien Rücktritt bis 23.01.2023
Dauer 1 Termin
Kursleitung Michael J. H. Zimmermann

Exodus ohne Ende? - oder: 'Fast nirgendwo ist Heimatland'
Zur kurzen Geschichte der Juden in Schwenningen am Neckar

Heimat: was ist das? 'Heimat? Wo das ist, weiß ich oft selbst nicht.' Margot Bikart sagte das - und sie wußte es nicht mehr, lange nach der Emigration ins rettende Ausland, nach der Flucht vor den deutschen Nationalsozialisten, die ihr nach dem Leben trachteten - und aus der Stadt, in die sie nach beinahe fünf Jahrzehnten erstmals zurückkehrte: Schwenningen a. N., in dem sie unbekümmerte Jahre der Kindheit erlebte, ehe früh schwer lastende Schatten sich auf ihr Leben legten - Todesschatten derer, die ihr als einer Jüdin Heimat verweigerten, verwehrten, verstörten - indem sie sie ihr nahmen.

Heimat? Heimat, so oft zum Himmel verklärt, nicht selten zur Hölle gemacht - jenen, die ,entheimatet? werden. Das menschenbedingte ,Schicksal? der Juden im 'Dritten Reich' der Deutschen, mithin in unserer Stadt, in unserer Heimat, ist ein Lehrstück der Ausgrenzung - und zeigt, wohin sie führt. Zu einem 'Exodus ohne Ende? Fast nirgendwo ist Heimatland'. So ist die kurze Geschichte der Juden in Schwenningen überschrieben. Deren Erinnerungen an die Stadt am Ursprung des Neckars sind oft keine schlechten - in aller Regel. Ist sie Heimat? Heimat nur gewesen? Zum Schwenninger Heimatverein fanden jüdische Mitmenschen und, ehedem, (Mit-)Bürger und -innen den Weg noch nach 1945; einige zumindest. Dessen langjähriger Geschäftsführer hielt (bis zu seinem Lebensende) die Kontakte. Gleichwohl konnte er einen Ernst Bloch, den Utopisten der Hoffnung, der die Welt zur Heimat (um)bauen wollte, einen Ahasver, den heimatlosen, für immer herumirrenden, irrenden Ewigen Juden nennen. Ein 'Mensch in seinem Widerspruch'? Einer, dem ab und an zu widersprechen war. Dabei hätte die Erforschung der Geschichte jüdischen Lebens und Sterbens in der Neckarquellstadt hier, beim Heimatverein, den Anfang nehmen können und sollen: im 'Heimatblättle'.

Das eigene Bild über den Stand der Dinge auf Erden sich machen kann jede und jeder wollen wenigstens: durch einfaches Hinsehen, notwendig vor allem Handeln - gerade dann, wenn Menschenrecht und Menschenwürde in ihrer Unteilbarkeit bedroht sind. Wegsehen woll(t)en viele freilich. 'Schwierigkeiten des Erinnerns' begegnen auf Schritt und Tritt denen, die das Unfaßliche begreifen wollen, die nach Wahrheit suchen und Gerechtigkeit - bis heute, erscheint der Nationalsozialismus vor Ort als ein Kapitel der 'Heimatkunde': anderswo und hier, wo auf dem anonymen Gräberfeld des Waldfriedhofes zweier ermordeter Juden aus den Konzentrationslagern vor den Toren der Stadt gedacht wird ... und wo das Alte Gymnasium als Janusz-Korczak-Schule mit seinem Namen Zeugnis gibt und öffentlich bekundet, daß es Bürger dieser Stadt gibt, die vor dem düstersten Kapitel deutschen Daseins die Augen nicht verschließen. Oft genug aber ist es schmerzlich, sich wecken zu lassen aus der Narkose von Verstrickung, Verdrängung, verweigerter Verantwortung - durch (mit)menschliches Gedenken, durch historische Besinnung, durch die Suche nach Antwort auf sich mit Macht aufwerfende, bedrängende politische, soziologische, moralische Fragen. Doch in diesem Belange 'örtlich betäubt' zu sein, birgt schwere Gefahren. Die 'Bürgeraktion ,Wider das Vergessen?', eine Ausgründung der Bürgergesellschaft zum Museum von 1834, geht seit Jahrzehnten dagegen an. Nicht immer mit dem wünschenswerten Erfolg.
Der wechselvollen Geschichte der Juden in ihrer Stadt, die ihr Heimat hätte sein müssen, wird nachgespürt, ohne von ihrem gräßlichen Ende her sie zu denken, aber auch ohne Vorurteile auszublenden, religiöse, von wirtschaftlichem Neid genährte, rassistische, die nur darauf warteten (und warten?), wachgerufen zu werden. Der Versuch wird gewagt, die Geschichte von jüdischen, juden- und (heiden)christlichen, durch Aufklärung und Säkularisierung gegangenen, vernunft- oder gänzlich ungläubigen Deutschen als eine gemeinsame zu verstehen. Im Ringen um ein Gelingen des Zusammenlebens von Juden und Christen als Mit-, Neben- oder Gegenmenschen. Diese Geschichte hat Tiefendimensionen - auch in Schwenningen, wo erst /wieder) im späten 19.Jahrhundert der erste namentlich nicht einmal faßbare ansässige Israelit verzeichnet wird. 'Die kurze Geschichte der Juden in Schwenningen a. N.' bietet aufschlußreiche Einblicke - in die Haltung der Kirchen, nicht zuletzt aber in das (oft genug) vom Konkurrenzkampf diktierte Wirtschaftsleben, in das Wirken der Parteien und Vereine und deren (unterschiedliche) Einstellung(en) zur 'Judenfrage', in Wort und Tat mehr als eines prominenten Demokraten, sogar in sich bewährende Freundschaften, in Flucht und Verfolgung, Widerstand und Hilfe, Leben und Tod, Rettung und Mord. Geschichte, von Menschen gemacht: angerichtet, verschuldet und erduldet. Schicksale. Schlaglichter nur. Bilder. Hinsehen wollen wir.
Zur Diskussion besteht Gelegenheit: ein Forum auf der Suche nach 'einem angemessenen Umgang mit der jüdischen Geschichte vor Ort'. Kritische Erinnerungsarbeit kann Konflikte nicht scheuen, wo ein seinen Namen verdienender Historiker nicht nur harmonisches Zusammenleben präsentieren kann; wo das Lob der Gerechten von denen, die es nicht sind, als (versteckter) Tadel aufgefaßt wird, weshalb Beruf und Berufung des Historikers immer noch und immer wieder (für ihn selbst) Gefahren bergen - eine Ansicht, die wir Tacitus nicht zuletzt danken und die wir stets aufs neue bestätigt sehen (und spüren), und dies zumal dann, wenn er die schlimmste Sünde nicht begeht und Auslassungen nicht zuläßt, jene übelste Form geschichtlicher Unwahrheit: der Lüge; wo Namen von Honoratioren der NS-Zeit zu nennen sind; wo Objekte und Dokumente zu zeigen sind, die nicht Anlaß sind zu eitel Freude; wo Antijudaismus und Antisemitismus ebenso zu thematisieren sind wie frühe Kundgebungen der Evangelischen Arbeitervereine Württembergs wider diese 'gottlose Lehre'. Auf Ausblendungen wird verzichtet. Blindstellen sind nicht auszuschließen. Zu blicken ist in eine Historikerwerkstatt - mithin auf Geschichte und Gegenwart.

In Kooperation mit der 'Bürgergesellschaft zum Museum Schwenningen von 1834'

Anmeldung erforderlich.




Kursort

EG; Raum 103

Metzgergasse 8
78054 Villingen-Schwenningen

Termine

Datum
27.01.2023
Uhrzeit
19:00 - 20:30 Uhr
Ort
Metzgergasse 8, vhs Metzgergasse; EG; Raum 103